Genesungswege

Petra Balschuweit, Praxis für Naturheilkunde und spirituelle Heilweisen

Menü

Vererbte Traumata und deren Lösung

Kürz­lich hör­te ich im Deutsch­land­funk einen Bei­trag von Sil­ke Has­sel­mann: Bis ins vier­te Glied – Trau­ma­ta prä­gen auch die Kin­der. Er han­delt von den Spät­fol­gen von Dik­ta­tur-Erfah­run­gen mit dem beson­de­ren Fokus auf der Geschich­te der ehe­ma­li­gen DDR, und hat mein Augen­merk noch­mal inten­siv auf die jün­ge­re deut­sche Geschich­te gelenkt.

Eini­ge Bücher sind über das The­ma der „Kriegs­en­kel“ geschrie­ben wor­den, die Licht ins Dun­kel der trans­ge­nera­tio­na­len Trau­ma­wei­ter­ga­be aus der Zeit der Nazi­herr­schaft und des zwei­ten Welt­kriegs brin­gen. Genannt sei­en hier u. a. „Kriegs­en­kel – die Erben der ver­ges­se­nen Genera­ti­on“ von Sabi­ne Bode, Jens-Micha­el Wüs­tels „Traum­kin­der – War­um der Krieg noch immer in unse­ren See­len wirkt,“ Mat­thi­as Loh­res „Das Erbe der Kriegs­en­kel – Was das Schwei­gen der Eltern mit uns macht.“

In mei­ner Pra­xis wer­den die­se Zusam­men­hän­ge immer wie­der in den ver­schie­dens­ten Kon­tex­ten sicht­bar, und auf die­ser Ebe­ne kann dann schließ­lich auch Lösung und Hei­lung anset­zen. Das reicht von uner­klär­li­chen Ängs­ten und Emo­tio­nen, zwang­haf­ten Denk- und Ver­hal­tens­mus­tern und uner­füll­tem Kin­der­wunsch bis hin zu rät­sel­haf­ten kör­per­li­chen Lei­den, für die es kei­ne offen­sicht­li­che Erklä­rung gibt.

In der Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie ist man sich zumeist einig, dass die nach­fol­gen­den Genera­tio­nen unter den trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen und Erfah­run­gen der Vor­fah­ren mit­lei­den müs­sen. Hier­zu gibt es meh­re­re Erklä­rungs­an­sät­ze:

Der psychologische Erklärungsansatz

durch die erlit­te­nen Trau­ma­ta ent­wi­ckel­ten die Groß­el­tern und Eltern ver­schie­de­ne (Gefühls-) Defi­zi­te, spal­te­ten Erleb­nis­se und Per­sön­lich­keits­an­tei­le ab, ent­wi­ckel­ten uner­klär­li­che Macken, Bezie­hungs­stö­run­gen etc. Meist wur­de das Gesche­he­ne ver­drängt und tot­ge­schwie­gen: aus Scham, aus Angst und auch als Lebens­be­wäl­ti­gungs-Stra­te­gie. Und gera­de die­ses Schwei­gen ist das Schlech­tes­te, was den nach­fol­gen­den Genera­tio­nen wider­fah­ren kann.

Die Kin­der in die­sen Fami­li­en erle­ben dann bei den Eltern oder Groß­el­tern uner­klär­li­che Ver­hal­tens­wei­sen (Depres­sio­nen, Aggres­sio­nen, Alko­ho­lis­mus, etc.), die nie­mals in einen Kon­text gebracht wer­den kön­nen, was wider­um deren Bezie­hung zu sich selbst, den Men­schen und der Welt ver­än­dert.

Harald Frey­ber­ger, Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Psych­ia­trie, Psy­cho­the­ra­pie und Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin in Greifs­wald, ver­fass­te 2003 mit eini­gen Kol­le­gen ein Gut­ach­ten über die „gesund­heit­li­chen Fol­gen poli­tisch moti­vier­ter Inhaf­tie­rung und ande­rer Repres­sa­li­en in der DDR.“ Dabei wur­de her­aus­ge­fun­den, dass min­des­tens 300.000 betrof­fe­ne Per­so­nen immer noch unter mani­fes­ten oder laten­ten psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen lei­den oder lit­ten. Etwa 10.000 DDR-Spit­zen­sport­ler wur­den nach­weis­lich zwi­schen 1974 und 1989 Opfer des staat­lich gelenk­ten Doping­sys­tems – und ihnen wur­de – häu­fig schon als Min­der­jäh­ri­ge – Sexu­al­hor­mo­ne ver­ab­reicht. Die­se Zah­len haben mich erschüt­tert, es war sozu­sa­gen eine Dop­pel­do­sis trans­ge­nera­tio­na­ler Trau­ma­wei­ter­ga­be.

Der epigenetische Erklärungsansatz

Der zwei­te Erklä­rungs­an­satz ist der Epi­ge­ne­ti­sche, der besagt, dass trau­ma­ti­sche Ereig­nis­se über die Funk­ti­ons­me­cha­nis­men der Epi­ge­ne­tik das Erb­gut ver­än­dern. Das bedeu­tet, dass Trau­ma­ta tat­säch­lich ver­erbt wer­den kön­nen.

Wenn wir über die Län­der­gren­zen hin­weg­bli­cken, berich­ten zahl­rei­che Stu­di­en wie z. B. über die Trau­ma­ti­sie­rung von 150.000 Heim­kin­der des Ceaușes­cu-Regimes oder über die ver­lo­re­ne Genera­ti­on der Abori­gi­nes, die zwi­schen 1910–1970 aus ihren Fami­li­en geris­sen und ins Heim gesteckt oder zwangs­ad­op­tiert wur­den, das Glei­che über die Lang­zeit­fol­gen der betrof­fe­nen und nach­fol­gen­den Genera­tio­nen.

Die­se The­ma­tik ist mir ein beson­de­res Anlie­gen. Denn einer­seits gehö­re ich selbst als Kind der 60-er Jah­re zur Enkel­ge­nera­ti­on, und weiß dadurch (nicht zuletzt durch etli­che Selbst­er­fah­rungs­pro­zes­se) um die Pro­ble­ma­tik und die Zusam­men­hän­ge. Glück­li­cher­wei­se haben mei­ne Eltern ihre Kriegs­kin­der-Erleb­nis­se mit uns geteilt, was viel Klä­rung gebracht hat.

Ande­rer­seits erfah­re immer wie­der (z. B. im Rah­men von Aka­sha-Chro­nik-Bera­tun­gen), wie segens­reich und heil­sam es sein kann, wenn das Licht der Bewusst­heit auf die Geschich­te der Vor­fah­ren fällt, wenn Fami­li­en­ge­heim­nis­se gelüf­tet wer­den kön­nen, und wenn erkannt wird, dass eben nicht alle The­men oder Pro­ble­me, die wir haben, tat­säch­lich unse­re eige­nen sind. Dann kann das, was ist, ganz anders ange­nom­men wer­den, und sich so schließ­lich auch ein neu­er Weg im Umgang mit den ent­spre­chen­den Her­aus­for­de­run­gen öff­nen.

Tiefe Traumata ebenso tief lösen

Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten, sich die­sen The­men zuzu­wen­den: das Nächst­lie­gen­de ist natür­lich, das Schwei­gen zu bre­chen und das Gespräch zu suchen mit den Eltern und Groß­el­tern. Nach­fra­gen, sich erzäh­len las­sen aus deren Kind­heit und Leben: inter­es­siert, mit­füh­lend und urteils­frei.

Als betrof­fe­ne Per­son kann mich sich Opfer­ver­bän­den und Selbst­hil­fe­grup­pen anschlie­ßen. Gän­gi­ge The­ra­pie­for­men für die­se The­men sind Auf­stel­lungs­ar­beit, Trau­ma­the­ra­pi­en wie z. B. EMDR, Brain­spot­ting oder EFT. Das Ent­schei­den­de ist die Hin­wen­dung an die Ver­gan­gen­heit und die Offen­heit, sich all der unbe­wäl­tig­ten Geschich­ten und ihren Fol­gen zuzu­wen­den.


Alle Blog-Beiträge anzeigen